Interior-Talk: So wirkt Freiraum

Warum leere Flächen Gestaltungselemente sind. Ein Interview

Schöne Spannung zwischen Dingen und Leere

Wie viel Leere braucht ein Raum? Das ist sicher Geschmackssache, aber denken wir über unsere Einrichtung nach, planen wir meist nur das, was die Leere füllt, und nicht den Freiraum selbst. Dabei ist gerade die Leere im Raum, das bewusste Zusammenspiel von Dingen und Freiflächen, ein zentrales Gestaltungselement. Sollten wir also nicht bewusster damit umgehen? Darüber sprachen wir mit Interior-Designerin Katrin Täubig.

 

Einfach mal nichts an der Wand – wirkt auch schön. (Foto: Apelt, apelt.de)

Johanna: „Katrin, endlich schaffen wir wieder ein Interview. Was sagst du zum Thema? Wie viel Leere braucht ein Raum?“

Katrin: „Eine gute Frage. Ein Raum, der ohne Konzept sehr voll ist, fühlt sich nicht angenehm an. Das Auge braucht Anker, Struktur, Highlights. Und die entstehen erst durch ein bisschen freien Raum. Mehr als die Hälfte eines Zimmers würde ich nicht mit Möbeln zustellen. Die Dinge müssen wirken können. Wobei wir hier nicht außer Acht lassen dürfen, dass viele Wohnungen klein sind. Da ist einfach wenig Platz.

Johanna: „Was machen wir dann?“

Katrin: „Wenn nur wenig Raum da ist, gibt es weniger Freifläche. Aber wir können Grüppchen bilden und so für Einrichtungsschwerpunkte mit freier Fläche dazwischen sorgen. Am besten nutzen wir weniger Deko, dafür besondere Dinge wie eine große Vase mit einem dicken knorrigen Ast. Das ist besser als viele kleine Vasen mit Blümchen. Ein großes Accessoire auf dem Sideboard als Eyecatcher wirkt deutlich besser als viele kleine.“

Johanna: „Also bei Eyecatchern immer auch den freien Raum drumherum mitdenken. Bei Möbeln ist es ähnlich, oder? Mir ist aufgefallen, dass ein großer Schrank einen kleinen Raum größer wirken lässt als mehrere kleine Schränke.“

Katrin: „Das stimmt. Aber es muss natürlich von den Proportionen passen, der Schrank oder das Riesen-Sofa dürfen einen nicht erschlagen. Bei Sitzplätzen ist es übrigens wichtig, auf lange Sichtachsen zu achten.“

„Das Auge braucht Pausen“

Johanna: „Freier Raum für den Blick, damit er zu einem bestimmten Punkt geführt wird. So wie Laufwege, die wir natürlich auch brauchen.“

Katrin: „Damit sind wir beim Herz des Themas: Sichtachsen, Laufwege, Gruppierungen, das sind alles Zonierungen.“

Johanna: „Wir zonieren mit Leere oder Freifläche.“

Katrin: „So ist es. Das Auge braucht Pausen, Leere. Deshalb gruppieren wir, schaffen Inseln und zonieren, erzeugen Blickachsen und Laufwege. Das alles sind Freiräume fürs Auge, aber auch Bewegungsspielräume. Nichts geht einfach ineinander über, es gibt Einrichtungsschwerpunkte. Wir gruppieren Bilder, die Essecke, arbeiten mit Leuchten und Teppichen, um diese Inseln klar zu definieren. Das lässt nicht nur Räume größer wirken, es erzeugt auch Ruhe. Selbst wenn ein Raum voller ist.“

Kleine Küche, viel leere Raum – und ein Boden, der die Hauptrolle spielt: Breccia grey von Tarkett (Foto: Tarkett, tarkett.de)

Johanna: „Ruhe – das ist sicher für viele ein wichtiges Stichwort.“

Katrin: „Ordnung im Außen erzeugt Ordnung im Inneren. Herrscht eine gewisse Ruhe im Raum, können wir uns besser konzentrieren und fokussieren.“

„Der Boden ist immer wichtig.“

Johanna: „Wir haben bis jetzt vor allem von kleinen Räumen gesprochen. Wie gehen wir in großen Räumen mit Leere um?“

Katrin: „Tatsächlich ist das viel schwieriger. In großen Räumen mit zu viel leeren Bereichen fühlen wir uns wie auf einer Baustelle. Ich habe Kunden, die haben ein Wohnzimmer mit 70 qm und finden es ungemütlich. Sie fühlen sich verloren, der Halt fehlt. Nichts ist im Raum verankert. Da hilft auch keine große Sofalandschaft.“

Johanna: „Was rätst du Ihnen?“

Katrin: „Mehr Möbel und vor allem Textilien, auch wegen der Akustik. Und es braucht Zonierung. Im Grunde geht es um das Gleiche wie in kleinen Räumen. Aber in großen Räumen sind Inseln gar nicht so leicht zu schaffen. Damit sie nicht verloren wirken auf weiter Flur, müssen wir Verbindung zwischen ihnen erzeugen. Unter anderem können hier verschiedene Lichtquellen helfen, die für Stimmung und Wohnlichkeit sorgen.“

Johanna: „Was ist mit Bodenbelägen und Teppichen?“

Katrin: „Der Boden ist immer wichtig, und je größer die Bodenfläche, desto größer die Rolle des Bodenbelags. In großen Räumen gibt der Boden den Ton an, optisch und akustisch. Wollen wir akustisch beruhigen, ist ein Teppich mit hohem Flor am besten. Verschiedene Farben, Muster oder sogar Bodenbelagsarten eigenen sich zur Zonierung, unterstützen Gruppierungen, Laufwege, Sichtachsen und das Spiel mit Inseln und Leere. In kleinen und eher vollen Räumen sind einheitliche Bodenbeläge in neutralen Tönen besser, sie beruhigen den Raum.

Es gibt übrigens Räume, die noch mal deutlich schwieriger einzurichten sind: Zimmer in L-Form. Hier stellt sich immer die Frage: Was mache ich in der Mitte? Ein L funktioniert optisch oft wie drei Quadrate – und wenn es dann noch viele Fenster gibt, lässt sich kaum etwas an den Wänden stellen.“

Ergänze einen Eyecatcher wie diesen Vorhang mit ein bisschen Leere – das eine betont das andere. (Foto: Jab Anstoetz, jab.de)

Johanna: „Was ist die Lösung?“

Katrin: „Das kann ich so pauschal gar nicht beantworten. Grundsätzlich geht es aber auch hier um optische Anker. In der Mitte eines L-Raums wäre zum Beispiel ein freistehendes Raumteiler-Regal denkbar, an den Schenkeln des Ls funktionale Inseln: auf der einen Seite die Leseecke mit Teppich, auf der anderen das Sofa oder der Essbereich. Wichtig ist, dass die Laufwege dazwischen wie entspannte Boulevards wirken und nicht wie eine Slalomstrecke durch einen Wohnparcours.“

„In Verbindung mit der Decke erzeugt sie Freiraum über unseren Köpfen.“

Johanna: „Was ist eigentlich mit der Höhe der Wände? Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Wände sind eine große Fläche mit viel Leere.“

Katrin: „Die Wandhöhe ist natürlich auch wichtig. In Verbindung mit der Decke erzeugt sie Freiraum über unseren Köpfen. Wie gehen wir damit um? Wenn wir Bilder aufhängen, können wir uns am Richtwert aus Museen orientieren: Die Bildmitte sollte etwa bei 1,45 m bis 1,50 m hängen. Das entspricht der durchschnittlichen Augenhöhe, kann aber natürlich variiert werden. Wandert der Blick im Altbau weiter nach oben, lassen wir die Wand einfach frei. Dort darf der Raum atmen. Ausnahmen könnten sehr hohe Bilder oder Murals sein. Auch Lampen würde ich nicht so hoch hängen, sondern auf den Bereich ausrichten, wo wir wohnen und die Dinge sehen können. Ein Spezialfall sind übrigens Maisonette-Wohnungen, wo der untere Raum in einen höheren Raum übergeht. Vielleicht noch mit einer Reling, von der wir in die unteren Bereiche herabsehen können.“

Johanna: „Davon träumen viele. Da gibt es viel leeren Raum.“

Katrin: „Das stimmt. Die optische Großzügigkeit und das Loft-Gefühl haben einerseits etwas Bestechendes, aber Maisonettewohnungen brauchen ein kluges Einrichtungskonzept. Wenn eine Decke fünf Meter hoch ist, wirken Standardmöbel schnell verloren. Bilder, die weiter oben hängen, sehen wir nicht richtig. Deckenlampen gehen nur in bestimmten Bereichen und wir kommen schlicht an viele Stellen gar nicht heran. Außerdem erkaufen wir uns den Freiraum zwischen den geöffneten Etagen mit zwei Problemen: Hall und ungenutztem Raum.“

Johanna: „Aber es gibt Lösungen?“

Katrin: „Es gibt immer Lösungen. Zum Beispiel Akustikpaneele für die Wände, die dem Hall entgegenwirken. Dazu insgesamt mehr Textilien wie Teppiche, Kissen und Sofas mit hochflorigen Stoffen. Tiefhängende Pendelleuchten bringen das Licht auf die richtige Höhe und mehrere Lichtinseln setzen Schwerpunkte im Raum. Die monumentale Leere über dem Kopf bleibt als Design-Statement. Aber nicht jeder fühlt sich so wohl. Am Ende ist es immer eine Charakter- und Geschmackssache, wie viel Freiraum uns guttut.“

 

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